Verfasst von: equineinvestigator | April 30, 2008

Bissige Biester

Pferde in Einzelboxen sind nicht unbedingt vor Tritten und Bissen geschützt.

Ich hab mich schon oft gewundert, wieso so viele Leute ihre Pferde in Boxen halten. Warum sie nicht einfach in einer Herde mit anderen Pferden leben können. In den Niederlanden ist es oft aus Platzgründen. Aber die üblichen Erklärungen sind: Das Pferd ist zu teuer um Verletzungen zu riskieren! Oder: Das Pferd soll sich vor dem Turnier nicht verletzen. Ich kann die Beweggründe schon etwas verstehen, aber von der Richtigkeit dieser Behandlung bin ich nach wie vor nicht überzeugt. In der aktuellen Ausgabe des „Equine Veterinary Journal“ wurde eine Studie aus der Schweiz veröffentlicht. Die Forscher sammelten Informationen von fast 3000 Pferden. Mit diesen Informationen wollten sie Herausfinden wie oft Verletzungen durch Bisse und Tritte wirklich auftreten und wie man das vermeiden kann.

Es liegt in der Natur der Pferde direkten Konflikt zu vermeiden. Um möglichst konfliktlos zu leben bildet sich unter ihnen eine feste Hierarchie. Jeder kennt seinen Platz. Selten wird der Rang des anderen in Frage gestellt. Zumindest nicht durch aggressives Verhalten. Bloße Andeutungen von Beißen oder Treten reichen um Rangordnung wieder klar zu stellen. Und das nicht nur weil Kämpfe Stress verursachen, sondern weil sie den Energievorrat aufbrauchen, Gesundheitsrisiken bergen und ein einzelnes Tier von der Herde, und damit ihrem Schutz, trennen könnte. Daher wird aggressives Verhalten nur selten in (halb)wilden Pferden beobachtet. Wenn sie doch kämpfen, dann beißen sie eher als zu treten. Beißen ist angreifendes Verhalten, Treten abwehrend.

In der oben genannten Studie wurden die Rasse, die Nutzung des Pferdes und die Art der Haltung erfragt und in Verbindung zu Beiß- und Tretverletzungen gesetzt. 70 Prozent der untersuchten Pferde wurden Einzeln gehalten. Der Großteil von ihnen kamen wenigstens für ein paar Stunden des Tages zusammen mit anderen Pferden auf einen Paddock oder Weide. 30 Prozent wurden demnach ständig in Gruppen gehalten. Von allen Verletzungen oder Krankheiten, die bei den untersuchten Pferden genannt wurden sind nur 5,6 Prozent von Bissen und Tritten. Von allen 3000 Pferden wurden nur 1,7 Prozent gebissen oder getreten. Es muss allerdings erwähnt werden, dass nur Verletzungen notiert wurden, die durch den Tierarzt untersucht wurden. Als die Verletzungen verglichen wurden zwischen Pferden, die größtenteils allein gehalten wurden und denen, die in einer Herde leben, zeigten sie so gut wie keinen Unterschied. Pferde die immer in der Herde lebten wurden genauso oft von anderen Pferden verletzt wie die, die nur kurze Zeit des Tages in Kontakt mit anderen Pferden kame.

Auch die Nutzung von den Pferden, also als Sport- oder Freizeitpferde, zeigte keinerlei Einfluss auf die Häufigkeit von Tritten oder Bissen. Was sich allerdings als eine Art Risikofaktor herausgestellt hat ist die Pferderasse. Warm- und Vollblüter erfuhren 4,3 mal so viele solcher Verletzungen als alle anderen untersuchten Pferde. Die Unterschiede im Temperament zwischen verschiedenen Pferderassen ist sicher den meisten Pferdebesitzern bekannt. Viel ungewöhnlicher scheint es doch auf den ersten Blick, dass Pferde die nur wenig Kontakt zu Artgenossen haben genauso viel verletzt werden, wie die aus der Herde. Aber wenn sie auf die Erklärungen am Anfang dieses Artikels zurückblicken lässt sich das leicht erklären: Die Pferde, die sich nur stundenweise auf der Weide befinden sind oft mit neuen Pferden konfrontiert. Und sogar wenn die Gruppe immer gleich bleibt, müssen sie doch immer wieder die Hierarchy in der Herde neu etablieren, da sie nicht permament zusammen sind. Das führt dann logischerweise zu häufigeren Auseinandersetzungen, als das bei einer beständigen Gruppe der Fall ist. Zudem passiert es auch oft, dass besonders Sportpferde aus „Einzelhaft“ in Situationen gebracht werden, in denen andere unbekannte Tiere in ihren persönlichen Bereich eindringen – das heißt, dass sie ihnen so nahe kommen, wie sie es in der Herde nur bei wenigen Tieren zulassen würden – zum Beispiel im Hänger, in der Stallgasse oder auf dem Aufwärmplatz eines Turniers. Die Tiere können dann verständlicherweise mit aggressiven Verhalten – oft Tritten – reagieren. Verletzungen solcher Auseinandersetzungen, sind zudem noch schlimmer als in einer wilden Herde, da die meisten Pferde heutzutage beschlagen sind. Und ein Tritt vom Eisen ist einfach wesentlich heftiger als vom bloßen Huf.

Das Ergebnis der Studie brachte die Wissenschaflter zu einigen Vorschlägen, um Verletzugen vorzubeugen. Eine beständig gleiche Gruppe und genug Raum zum Ausweichen ist das A und O einer ruhigen Herde und auch die natürlichste Haltungsart. Manchmal kämpfen wilde Pferde, wenn nur wenig Futter oder Wasser vorhanden ist. Daher wäre es empfehlenswert auf genügend Fressplätze oder eventuell sogar individuelle Fressplätze für jedes Pferd zu achten. Da wie gesagt auch häufiger Wechsel von Pferden in der Gruppe für Unruhe sorgt ist diese Art der Haltung für Verkaufs- und Trainingsställe nicht empfohlen. Wenn ein neues Pferd der Gruppe zugeführt werden muss dann kann man das langsam tun, eventuell über einen Zaun. Und natürlich kann man sich immer wieder das deutlichste Ergebnis dieser Studie vor Augen halten: Pferde verschiedener Rassen haben verschieden Temperamente. Das ist gegeben und die Haltung kann dem angepasst werden, nicht anders herum.

Reference:
JM Knubben, A Frst, L Gygax and M Stauffacher (2008), „Bite and kick injuries in horses: Prevalence, risk factors and prevention“, Equine Veterinary Journal 2008, vol. 40


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