Ich kann mich noch genau dran erinnern, an das Pärchen auf unserem Hof, dass ihr erstes Fohlen aufzog… und es schien als wollten sie es zu Tode knuddeln. Na nicht ganz, aber ihr Verhalten war schon stark umstritten unter den anderen Pferdebesitzern. Schon kurz nach der Geburt wurde es ständig angefasst und hin und her geführt. Gerüchte wurden laut, dass die beiden schon gleich nach der Geburt zur Stelle waren um das Fohlen gleich an sie zu gewöhnen. „Das zerstört doch die Bindung zur Mutter“, hörte man da, oder: „Das ist doch kein Hund“ war auch eins der vielen Kommentare. Alles nur unqualifizierte Meinungen neidischer Beobachter? Irgendwie kann man es ja auch verstehen. Spätestens alle die, die schonmal ein verkorkstes Pferd hatten versuchen beim ersten eigenen Fohlen alles besser zu machen. Und logisch hört sich das irgendwie auch an: Je früher man die Tiere an Menschen gewöhnt, desto weniger Angst und Resistenz zeigen sie später. Eine Gruppe von Wissenschaftlern bringt jetzt Licht ins Dunkel. Die Verhaltensforscher aus Frankreich und den Niederlanden haben auf die bisherige „Geschichte der Beziehung zwischen Mensch und Pferd“ zurück geblickt und eine Bilanz gezogen.
Ein wichtiger Bestandteil ihres Berichts ist die Behandlung von Fohlen, und wie sich verschiedene Strategien auf das spätere Verhalten der Tiere auswirken. In der Natur sondern sich Stuten vor der Geburt von ihren Herden ab und bis zu fünf Tage nach der Geburt verhindern sie, dass sich andere Pferde ihren Fohlen nähern. Vermutlich tun sie das um die wichtige Phase der Bindung zu ihren Jungen durch nichts zu stören. Nun lebt aber die Mehrheit der Pferde heutzutage nicht mehr in der freien Natur, sondern wird von Menschen gehalten und genutzt. Vieles, was in der Natur nötig war, wird ihnen jetzt abgenommen. Sie werden mit Futter versorgt und vor Gefahren geschützt. Nicht nur werden sie vor den sonst gefährlichen Raubtieren geschützt, jetzt sollen sie sogar einem vertrauen und mit ihm zusammenarbeiten – dem Menschen. Eine große Veränderung. Der Tiermediziner Dr. Robert Miller hat 1991 eine Methode entwickelt, die es dem Pferd leichter machen soll den Menschen ohne Angst zu vertrauen. Das sogenannte „Imprinting“. Dabei handelt es sich um verschiedene Trainingseinheiten mit dem Fohlen. Die erste schon innerhalb der ersten 30 Lebensminuten. Das junge Pferd wird überall angefasst und bestimmten Gegenständen gegenüber desensibilisiert. In verschiedenen Studien alerdings wurden keine einheitlichen positiven Ergebnisse dieser Strategie gefunden. In einer Untersuchung der französischen Wissenschaftlerin Hausberger wurden 170 Pferde auf verschiedenen Gestüten in der Bretagne beobachtet. Mit dem Ergebnis, dass die Pferde, die erst während dem Absetzen und im Jahr darauf intensiven Kontakt zu Menschen hatten, sehr ruhig und gelassen auf Menschen reagierten. Im Gegensatz dazu waren viele Pferde ängstlich und nervös, die entweder kurz nach der Geburt viel gehändelt wurden (auch durch Imprinting) oder nach dem Absetzen gar nicht mehr mit Menschen in Kontakt kamen. Für das Forscherteam schon ein guter Hinweis auf die geeignete Strategie.
Einen Wendepunkt scheint also der Zeitpunkt des Absetzens zu markieren. Und in der Tat wird in der Verhaltenswissenschaft darin oft eine Ursasche für Verhaltensstörungen, sogenannte Stereotypen, gesehen. Denn auch hier weicht die verbreitete Praxis vom Verhalten der wilden Pferde ab. In der Natur wird ein Fohlen abgesetzt, wenn seine Mutter das nächste Fohlen gebärt, das heißt nach etwa einem Jahr. Die meisten Züchter trennen ihre Jungtiere schon zwischen vier und sechs Monaten nach der Geburt von ihren Müttern. Nicht bei allen, aber einigen Fohlen kommt es daraufhin zur Entwicklung von Stereotypen oder auch Magengeschwüren, was dem verursachten Stress oder auch der Futterumstellung zugeschrieben wird. Solche Folgen sind bei Pferden in der Wildnis nie beobachtet worden. Um den Tieren die Trennungen zu erleichtern empfiehlt es sich sie nach und nach abzusetzen (erst ein paar Stunden pro Tag), ihnen ein zweites Fohlen oder sogar mehrere Pferde zur Seite zu stellen und natürlich für eine angemessene Umgebung zu sorgen – das heißt Paddock oder Weide sind besser als eine Box und ein Herdenverband besser als die Einzelhaltung. Die Erfahrungen, die Pferde während des Absetzens machen, können sich später auf die Lernfähigkeiten und Trainierbarkeit auswirken.
Kommen wir aber wieder auf die direkte Behandlung von Fohlen zurück. Die Forschungen der Vergangenheit sind sich einig, dass Methoden wie Imprinting in keinster Weise natürlich sind. Sie lösen Stress bei Stute und Fohlen aus und bringen nur in wenigen Fällen positive Erfolge. In den meisten Fällen in denen das Verhalten von erwachsenen Pferden verglichen wurde gibt es keine bedeutenden Unterschiede zwischen denen, die früh intensiven menschlichen Kontakt erfahren haben, und den Pferden, die bis zum Absetzen nur Routinekontakt wie Füttern und tierärztliche Untersuchungen erfuhren. Teilweise zeigten sich die ersteren Tiere zögerlicher und ängstlicher gegenüber Menschen.
Dafür scheint jeglicher Kontakt in den Futter involviert ist, ein positives Erlebnis für Fohlen zu sein. Dabei handelt es sich ja in den meisten Fällen um das tägliche Erscheinen der Menschen, die für die Fütterung der Tiere sorgen. Der direkte Kontakt mit dem Fohlen ist dabei gar nicht nötig. Viel effektiver ist eine gute Beziehung zur Stute. Füttern und Streicheln der entspannten Mutter wirkt Beispielhaft auf das Fohlen und hat die Auswirkung, dass auch das Fohlen später eher entspannt auf Menschen reagiert. In einer Studie wurde zum Beispiel auch ausprobiert, was passiert, wenn ein Mensch sich ganz bewegungslos in der Nähe des Fohlens aufhält. Einer passive Person haben sich die Fohlen schon nach kurzer Zeit freiwillig genähert um ihn unter die Lupe zu nehmen. Das war nicht der Fall bei Jungpferden, die anfangs erzwungenen Kontakt zu Menschen hatten.
Ein einziges Erfolgsrezept im Umgang mit Pferden kann nicht gegeben werden, dazu sind wir Menschen sowie auch die Pferde zu unterschiedlich in unserem Verhalten und unseren Erfahrungen. Die Wissenschaftler kommen aber zu dem Schluss, dass es noch immer ein großen Bedarf für das Training von Menschn und nicht nur von Pferden gibt. Auch die Forschung kann es uns nicht ersparen, viel Zeit mit den geliebten Vierbeinern zu verbringen, aufmerksam zu sein und ihre Sprache zu lernen. Aber sie kann uns helfen das Verhalten unserer Pferde besser zu verstehen. Nur so erreichen wir ein sicheres und für beide Seiten befriedigendes Zusammensein.
*Edit: Natürlich wollen wir nicht einseitig bleiben und versuchen die Sachverhalte möglichst objektiv darzustellen. Daher möchte ich Ihnen die Reaktion von Dr. Miller auf diese und ähnliche akademische Studien nicht vorenthalten:
Er sagt, dass 1. das Imprinting nicht so durchgeführt wurde, wie er es empfiehlt. 2. kann man von Pferdetraining – in jedem Alter – das nicht richtig durchgeführt wird, keine guten Ergebnisse erwarten. 3. Sammelt er nun seit 49 Jahren Erfahrungen mit neugeborenen Fohlen und hatte persönlich noch nie einen Misserfolg. Und 4. sagt er, dass Tausende gute Erfolge mit seiner Methode erzielt haben, was für eine Aussage ist es dann, wenn es nur einigen davon nicht gelingt?
Was Dr. Miller zu bedenken gibt räumen auch viele Wissenschaftler immer wieder ein. Wenn eine Methode, ein Versuch, ein Experiement nicht korrekt angewendet wird ist es wertlos. Gerade Wissenschaftler haben damit zu kämpfen, denn wer würde ihre Arbeiten ernst nehmen geschweige denn abdrucken, wenn es schon Fehler im Versuchsaufbau gibt. Aber wenn sogar die Wissenschaftler dieses Problem haben, wie erst geht es dann dem einzelnen Pferdebesitzer? Die Mehrheit der Pferdebesitzer sind bekanntermaßen keine professionellen Trainer oder Züchter. Fehler geschehen noch und nöcher. Ihnen dann eine Methode an die Hand zu geben, die absolute Präzision verlangt ist riskant. Daher möchte ich mich Dr. Miller gern anschließen: Wenn Trainingsmaßnahmen nicht erlernt und verstanden werden, dann ist es immer besser sie nicht anzuwenden.*
Quelle:
Hausberger, M; Roche, H; Severine, H; Visser, K (2008), “A review of the human-horse relationship“, Applied Animal Behaviour Science 109: pp.1-24, Elsevier Publishing